U-Bahn-Fahrt ohne Wiederkehr

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U-Bahn-Fahrt ohne Wiederkehr

Mal wieder so eine typische Heinzi-Geschichte! Ich ziehe solche Dinge magisch an und kann mich manchmal nur über mich selbst wundern…

Wer mein Buch kennt, hat sicher schon festgestellt, dass ich in jüngeren Jahren gern mal einen heiteren Zug durch die Gemeinde, in meinem Fall über die Reeperbahn, gemacht habe. Einer meiner ‘lustigsten’ Kritiker unterstellt mir ja eh schon Alkoholismus (Schaut Euch die lustige Kritik bei Amazon mal an. Es lohnt sich!), weil ich in meinem Buch davon schreibe, dass ich betrunken war. Und ist der Ruf erst ruiniert… Also berichte ich heute von einem ganz besonderen Abend mit zwei Freunden, nennen wir sie doch einfach Jetto und Dany.

Vorglühen

Jetto und ich waren bei mir zu Hause verabredet, um zunächst obligatorisch ‘vorzuglühen’, bevor wir dann auf den Kiez (Hamburger Reeperbahn) gehen wollten. In diese Runde hatte sich spontan auch Dany eingeklinkt und wir steigen in die Geschichte ein, als beide vor meiner Wohnungstür stehen.

Dany reckt mir eine Plastiktüte entgegen und verkündet stolz: »Ich hab reichlich Bier dabei. Die schön billige Sorte. Knallt besser!«
Jetto schubst ihn beiseite und drängelt sich in meine Wohnung: »Ich kann Dir auch eine knallen. Kostet gar nix! Bleib mir mit dem Fusel vom Leib. Heinzi und ich trinken nur Whiskey/Cola, stimmt´s?«
»Stimmt!«, begrüße ich beide.

Der Abend entwickelt sich prächtig. Wir hören laute Musik, trinken ordentlich und vernichten dabei schön unser Kurzzeitgedächtnis, was man daran merkt, dass wir nach ein paar Drinks nur noch von ‚Früher‘ und ‚Damals‘ sprechen. Männer neigen zu solchen Zeitreisen, weil frühere Heldentaten immer viel großartiger und blumiger ausgeschmückt werden können als Dinge, die gestern passiert sind.

Jetto und ich halten uns den ganzen Abend brav an unsere ‚Halt Dich immer an einer Sorte fest, dann erlebst Du auch den Rest‘-Strategie, womit gemeint ist, dass wir die Getränke niemals wechseln. Das verhindert Kopfschmerzen und Übelkeit am Folgetag. Dany entdeckt dagegen nach der sechsten Halbliterdose Bier, dass so ein Whiskey/Cola auch etwas Feines ist. Zum Glück hab ich noch einen billigen von der Sorte ‚Blindmacher‘ im Schrank, den ich großzügig, nur mit wenig Cola angereichert, serviere. Die traurige Bilanz als wir in Richtung Kiez aufbrechen wollen: Jetto und Heinzi 1 (Flasche Whiskey) / Dany ganz ohne Hilfe 1 + 6 (Eine Flasche Whiskey und 6 halbe Liter Bier)!

Jetto völlig entsetzt: »Ach Du Scheiße, wie sollen wir Dany denn jetzt noch auf den Kiez kriegen?«
»Gute Frage! Der hat echt acht Atü im Turm. Wir stützen ihn und bis zur Reeperbahn ist der wieder einigermaßen klar.«

Dany trägt zu dieser Diskussion lediglich einen völlig lädierten Blick bei. Hinsichtlich seiner Körperbeherrschung aber ein interessanter Anblick, weil sich seine Augen horizontal drehen, während seine alkoholbedingte Gummihüfte vertikal kreist. Nüchtern bekommt man diese Akrobatik garantiert nicht hin.

Abfahrt auf die Reeperbahn

Wir beschließen, unserem gemeinsamen Abend eine Chance zu geben und schleifen Dany bis zum Spielbudenplatz am Anfang der Reeperbahn. (Um das ’schleifen‘ habe ich übrigens deshalb keine Anführungszeichen gesetzt, weil seine Beine tatsächlich später auf dem Kiez angekommen sind als sein Oberkörper, den Jetto und ich zwischen uns eingeklemmt hatten.)

Erster Halt: Sommersalon! Früher ein schnuckeliger kleiner Stand-up-drink/Zappel-Laden mit schöner Musik für jeden tanzwütigen Geschmack.
Heute: Keine Ahnung!
Bin zu alt für den Scheiß!

Vor dem Sommersalon steht ein ausrangierter Autoscooterwagen. Genau das richtige, um Dany zu parken, der noch immer nicht allein stehen kann und damit auch nicht als Getränkehalter genutzt werden kann, während Jetto und ich die Tanzfläche unsicher machen. Wie zu einem alten Hund vorm Zigarettenladen ‚befehlen‘ wir Dany, auf uns zu warten. Kunststück! Wo soll der schon hin mit seinen Gummibeinen?

Nach einer Stunde haben wir ein paar Drinks verhaftet und das eine oder andere Lied mitgetanzt und wollen weiter ziehen. Mehr zufällig fällt uns draußen auf, mit wem wir den Abend gestartet hatten. Dany schläft seelenruhig in seinem kleinen Wagen. Er hat sich allerdings optisch leicht verändert, weil er inzwischen einen Papierhut aus der Speisekarte eines Restaurants trägt und jemand ihm mit Edding einen Bart gemalt hat. Immerhin in der gleichen Farbe, wie die Brille, die ihm gezeichnet wurde. ROT!

Da wir gute Freunde sind, hieven wir ihn aus dem Wagen und… schleifen ihn zur nächsten Bar. Zweiter Stopp: Barbara Bar auf dem Hamburger Berg, einer sehr kleinen feinen Seitenstraße von der Reeperbahn mit zahlreichen Bars und Musikschuppen.

Vor der Bar wird uns klar gemacht: »Der Vogel mit der Kriegsbemahlung und den Puddingbeinchen kommt hier nicht rein!«
Ich drehe mich zu Jetto: »Hier gibt es keinen Autoscooter oder sonst was, wo wir Dany reinsetzen können. Der rollt uns weg und dann sind wir Schuld! Wir müssen ihn ins Taxi setzen und nach Hause fahren lassen.«
»Taxi? Zu teuer! Wir bringen ihn zur U-Bahn.«
»Ok, dann los!«

Wir schleifen Dany wieder zurück zur Reeperbahn und dort links rum in Richtung U-Bahn-Station ‚St. Pauli‘. Am Eingang angekommen, poltern wir mit ihm die Treppen runter. Zum Glück fährt gerade eine Bahn ein. Wir beschleunigen, wobei wir mit lautem Quietschen Danys Schuhspitzen auf dem Boden abrubbeln. Die Bahn hält, wir reißen die Tür auf, hieven ihn hinein und platzieren ihn auf einem Einzelsitz, damit er  keinem anderen Fahrgast in den Schoß fällt. Dann hechten wir gerade noch rechtzeitig aus der Bahn, deren Türen direkt hinter uns schließen.

Wir geben uns ein High Five und schlendern vergnügt zurück zum Hamburger Berg.
Bestens gelaunt kommen wir an der Barbara Bar an, wo der Türsteher wissen will: »Wo habt ihr denn den Alki gelassen?«
Jetto freut sich: »In die Bahn nach Hause gesetzt«

Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: »Scheiße, Jetto! Wo wohnt Dany eigentlich?«
»Keine Ahnung. Ich dachte, du weißt das.«
»Nö!«
»Und in welche Richtung fährt er jetzt? Ich hab da in der Hektik nämlich nicht drauf geachtet.«
Ich fasse zusammen: »Also mal langsam! Wir wissen weder wo Dany wohnt noch in welche Richtung er gerade mit der Bahn fährt? Das kann doch nur schief gehen!«
Jetto beruhigt mich: »Entspann Dich mal! Die U3 fährt immer im Kreis. Wir können ja nachher noch mal zur U-Bahn Station gehen und gucken, ob er wieder zurück gekommen ist.«

Das reicht mir, um völlig reinen Gewissens in die Bar zu gehen und den Morgen auf uns zukommen zu lassen.

Gegen 7:00 morgens beschließen wir nach Hause zu gehen. Kein Wort oder Gedanke mehr über Dany. Einfach nur das Verlangen nach einem Bett. Wir verabschieden uns und verlassen den Kiez in unterschiedliche Richtungen. Natürlich guckt NIEMAND mehr, ob Dany wieder an der Station angekommen ist. Ich hätte ihm allerdings schon helfen können, wenn ich zwischendurch mal auf mein Handy geguckt hätte. Das mache ich aber erst wieder nach dem Aufwachen, gegen 14:00 Uhr.

Endlosschleife in der U-Bahn

12 SMS und 3 Anrufe auf meiner Mailbox von…. natürlich: DANY!

Genug Informationen, um Danys Abend zu rekonstruieren, der ungefähr so abgelaufen sein muss:

1:27 Uhr: Aufgewacht in der U3 und SMS an Heinzi: »Wo seid ihr?«
Ich hätte die Frage ‚Wo bin ich?‘ sinnvoller gefunden.

2:43 Uhr: Aufgewacht in der U3 und SMS an Heinzi: »Bin Borgweg. Warum?«
Vermutlich, weil er die Runde mit der U3 jetzt schon das dritte Mal gefahren ist.

Es folgen acht weitere SMS und besagte drei Anrufe auf meiner Mailbox mit Lageberichten über den körperlichen Zustand, sich lustig machen über andere Fahrgäste,  und den immer wiederkehrenden Fragen ‚Wo?‘ und ‚Warum?‘. Ach ja, zu späterer Stunde kommen dann natürlich auch die Versprechungen á la ‚Nie wieder…‘.

Spannend wird es um 4:12, als die Nachricht lautet: »Bin gerade in der U1 beim Schwarzfahren erwischt worden. Hab keine Kohle. Kannst Du mich abholen?«
U1? Ups, dann muss der im Vollrausch echt umgestiegen sein. Kann man nur hoffen, dass er jetzt dichter an seiner Wohnung ist als vorher. Ich hab nämlich immer noch keine Ahnung, wo der wohnt.

Kurz nach 10:00 Uhr dann die letzte SMS von Dany: »Bin jetzt zu Hause! Geiler Abend. Müssen wir bald wieder machen!«
Na, das nenn ich mal Einsatz und positives Denken!

Abends habe ich übrigens mit Jetto telefoniert, der sich wieder erinnert hat, wo Dany wohnt: In Horn! Das hat weder etwas mit der U3 noch mit der U1 zu tun und liegt von Danys letzter Position ziemlich weit entfernt.

Fakt ist aber, dass wir alle drei sehr positive Erinnerungen an den Abend haben. Das liegt vermutlich aber auch daran, dass Dany einige Details frühestens durch diesen Beitrag erfahren wird. Zum Glück bin ich inzwischen viel zu alt für solche Touren. Obwohl… was tut man nicht alles für einen neuen Erlebnisbericht.

Wenn es Euch gefallen hat, schaut Euch gern auch die anderen Artikel an oder schreibt mir einen Kommentar, ob Ihr mehr Alltagserlebnisse lesen wollt…

2 Kommentare

  1. Genial! Freu mich auf die Fortsetzung

    • Danke, Christine! Mal sehen, wen wir als nächstes in die U-Bahn setzen

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